Angela Stiegler: Diven, Tauben und Motion Sickness

Porträt der Künstlerin Angela Stiegler. Foto: Constanza Meléndez

Interview mit RE:MAGAZINE: Besuch im Atelier der Künstlerin Angela Stiegler.

München – Im Interview mit RE:MAGAZINE spricht die Künstlerin Angela Stiegler über die Inspiration durch Tauben, Divenkörper, Motion Sickness und virtuelle Realität.

Die Fragen wurden am 25 Januar 2021 beantwortet.

Wo bist du jetzt gerade?
Angela Stiegler In meinem Studio in München, allein und eingeschneit. Aber ich bin auch in Venedig und Marseille, in Kontakt mit Samuel Fischer-Glaser, Nikolai Gümbel und Sophie Schmidt. Im Jahr 2021 haben wir den „Divenkörper“ entdeckt und wir tauchen tiefer in das Verständnis und das Kennenlernen dieses Körpers ein, während wir getrennt voneinander und an verschiedenen Orten sind. Der „Divenkörper“ ist ein leidender, aber auch einer der freudigen Erwartung.

Woran arbeitest du im Moment?
Eines der Dinge, an denen ich im Moment arbeite, ist eine neue Übung: Ich nenne sie “Motion Sickness Exercise”. In dieser neuen Übung versuche ich, das Potential von Gefühlen und Zuständen wie Schwindel und Benommenheit zu erforschen. Motion Sickness beschreibt das Gefühl, passiv bewegt zu werden. Ich werde mit Virtual Reality arbeiten, um diese Übung zu erproben. Mich interessiert die Konnotation von Bewegung und Krankheit, die Tatsache, dass uns das Reisen potentiell krank macht. Übungen sind für mich generell eine Möglichkeit, mich zwischen Performance und Experiment zu bewegen und Körperpolitik zu erforschen. Dazu verwende ich gerne verschiedene Protagonist*innen: Personen und Technologien. Das Schreiben ist eine dieser Technologien. Um Donna Haraway zu zitieren: “Schreiben ist die bedeutendste Technologie der Cyborgs (…)” und sie fügt hinzu: “Cyborg-Politik bedeutet, zugleich für eine Sprache und gegen die perfekte Kommunikation zu kämpfen, gegen das zentrale Dogma des Phallogozentrismus, den einen Code, der jede Bedeutung perfekt überträgt.” Für Motion Sickness Exercise arbeite ich mit Shila Rastizadeh zusammen, die eine junge Forscherin im Team von Prof. Timo Götzelmann am Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion der TH Nürnberg ist. Bei der Entwicklung dieser Übung werden wir vom LEONARDO Zentrum für Kreativität & Innovation Nürnberg und dem Museum Brandhorst unterstützt. 

Was interessiert dich in deiner künstlerischen Forschung?
Ich lasse mich von einer spekulativen Kraft leiten, um die Welt mit Hilfe künstlerischer Methoden zu verstehen. Für mich ist es sehr wichtig, Kunst als eine Form der Forschung zu verstehen und das ist der Grund, warum ich mich für bildgebende Verfahren interessiere. In der Medizin zum Beispiel werden Bilder verwendet, um für das Auge unsichtbare Prozesse sichtbar zu machen. Die Art und Weise, wie ich über Bilder nachdenke, funktioniert ähnlich wie bei einer Magnetresonanztomographie.

Was sind deine Lieblingsgegenstände in deinem Atelier? Warum?
Der Kühlschrank und meine Boombox. Und eigentlich auch mein Körper. Ich betrachte den Körper als Werkzeug, er muss genährt (Kühlschrank) und bewegt (Boombox) werden. Natürlich gibt es noch andere Dinge als Musik und Essen, die mich bewegen. Lesen und Schreiben sind sehr wichtige Werkzeuge, die ich zur Arbeit nutze.

Worauf bist du neugierig? Was würdest du gerne weiter erforschen?
Ich bin neugierig auf die Zusammenarbeit mit anderen. Die Zusammenarbeit ist eine Herausforderung, da es ein Zusammentreffen von verschiedenen Menschen ist, die sich über ihre Ideen austauschen. Es ist sogar noch herausfordernder, wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Fachgebieten zusammenkommen. Das macht interdisziplinäre Arbeit so relevant, sich der Arbeit aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern. Innerhalb der Künstler*inneninitiative K, die ich 2013 mitbegründet habe, wollen wir sogar a-disziplinär arbeiten, also die eigene Disziplin verlassen. Mit dem Opernkollektiv “DIVA“ versuchen wir, etwas zu tun, wofür wir nicht ausgebildet sind, indem wir unsere Stimmen zum Singen benutzen und zum Opernhaus werden.

Die Isolation, in der sich jede*r von uns jetzt befindet, zeigt sehr drastisch, dass es eine gewisse Verwirrung um Begriffe wie Freiheit und Autonomie gibt. Die Kontrolle zu verlieren und sich daran zu erinnern, dass Wissensproduktion nur funktionieren kann, wenn wir in Kontakt und Austausch mit anderen sind. Meine Neugierde führt mich in die Welt und jetzt gerade vor meine Tür, wo ich versuche, mit einer Handvoll meiner Nachbar*innen ein temporäres Denkmal in der Straße zu schaffen, in der ich wohne. Wir lernen uns kennen, indem wir über die Bedeutung des Straßennamens ins Gespräch kommen und darüber, auf welche Weise (persönliche) Geschichte im öffentlichen Gedächtnis und in Denkmälern Sichtbarkeit finden kann. Im Team mit Samuel Fischer-Glaser, Yulia Lokshina und Constanza Meléndez werden wir diesen Sommer mit Unterstützung des Stipendiums für Bildende Kunst der Stadt München, des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg und der Erwin und Gisela von Steiner-Stiftung unsere Ergebnisse auf der Straße präsentieren.

Ich glaube, im Moment werde ich am meisten von den Tauben inspiriert, die auf meiner Badezimmerfensterbank leben.

Angela Stiegler im Interview mit RE:MAGAZINE

Was war die letzte Sache, die dich laut lachen ließ?
Das Schlittenfahren auf den Münchner Olympiapark-Hügeln im Schnee.

Was hat dich in letzter Zeit inspiriert?
Ich glaube, im Moment werde ich am meisten von den Tauben inspiriert, die auf meiner Badezimmerfensterbank leben. Seit dem Winter-Lockdown habe ich generell das Gefühl, dass ich mich im Tagesrhythmus mehr an meine Umgebung anpassen muss als vorher, fast wie jemand mit einem anderen Job oder im höheren Alter. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Stunden die Vögel schlafen, aber ich komme ihnen näher und singe sie in den Schlaf, während ich mir die Zähne putze. Seit die Museen, Kinos und Theater geschlossen sind, gibt es ein Überangebot an Online-Inhalten, und im Allgemeinen fehlt es diesen Dingen an Begegnungen, aber ich glaube, in gewisser Weise sind manche Räume zugänglicher geworden. In letzter Zeit habe ich es genossen, Modefilme zu sehen, Laufstege sind etwas, zu dem ich vorher keinen Zugang gefunden habe, es fühlt sich fast wie ein neues Genre an, eine Mischung aus Videospiel und Musikvideo.

Was gefällt dir an der lokalen Kunstszene?
Eine lokale Kunstszene ist ein irritierender Begriff. Ich denke, sie könnte lebendig sein, wenn sie gleichzeitig klein und international wäre. Ich glaube sehr an die Kraft persönlicher Beziehungen und würde daher sagen, dass dies die Kraft einer kleinen Kunstszene sein kann, aber wie wir alle wissen, ist jede Kunstszene ein ökonomisches System und auf diese Weise immer von ökonomischen Kräften bestimmt und geleitet, die auf Ausschluss und Selektion beruhen.

Ich beobachte in München eine lebendige Kunstszene, die Schritt für Schritt den Anforderungen der zeitgenössischen Kunst folgend wächst, immer ephemerer, vielfältiger und queerer wird. Das spiegelt sich zum Beispiel in einer neuen Generation von Professor*innen, die an der Kunsthochschule lehren, und von Kurator*innen in den Museen wider. Künstler*innen brauchen immer Unterstützung, vor allem untereinander, aber auch von Menschen, die sich für sie interessieren und sie finanziell unterstützen. Wir unterstützen uns am besten gegenseitig, indem wir miteinander diskutieren und in langfristige Initiativen investieren, die die Rechte und Bedürfnisse von Künstler*innen unterstützen. Deutschland hat ein sehr gut ausgearbeitetes System, auf dem wir aufbauen können, wie z.B. der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK, die Künstler*innensozialkasse KSK, die VG Bild-Kunst Bonn für Bildrechte. Aber auch im weiteren Sinne in Initiativen aktiv zu werden, von denen wir denken, dass sie unsere Gesellschaft unterstützen können, macht Sinn. Lokal denke ich da an das Frauengesundheitszentrum FGZ München oder das Forum Queeres Archiv München, #EXIST und das K&K Bündnis Kunst und Kind.

Welche Künstler*innen, Kurator*innen oder andere Personen aus der Kunstwelt empfiehlst du den Leser*innen, sich anzusehen oder auf Social Media zu folgen? 
Tabea Blumenschein, New Noveta und ich empfehle, so viel wie möglich offline zu bleiben. Die meisten Künstler*innen, die ich bewundere und die mich inspirieren, nutzen nicht einmal soziale Medien, ich habe sie analog kennengelernt.

Angela Stiegler (*1987) lebt und arbeitet in München.

Stiegler beschäftigt sich mit den Handlungen und Affekten menschlicher Körper, die sie mit multidisziplinären Methoden in digital-skulpturalen Bildern visualisiert. Stieglers Arbeitsweise hat eine inhärent kollaborative Qualität und ist zutiefst intermedial: sie verschränkt Elemente aus Performance, Video, Installation, Sound, Text, 3D-Animation und Forschungstechniken.
Sie ist Mitbegründerin der selbstorganisierten Künstler*Inneninitiative >K<, die seit 2013 als hybrider Ort des Austauschs zwischen Künstler*innen und Denker*innen unterschiedlicher Disziplinen einmal im Jahr stattfindet. Seit 2020 bildet sie zusammen mit Samuel Fischer-Glaser, Nikolai Gümbel und Sophie Schmidt das Opernkollektiv >Diva<. Sie lehrt aktuell an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.

Angela Stiegler online
Website: http://angelastiegler.de/
Instagram: @amygdalalalalala
Representiert von der Galerie Françoise Heitsch.

Im Artikel erwähnte Personen, Organisationen und Institutionen
Samuel Fischer-Glaser: @samoribicglazar und http://samuelfischerglaser.de/
Nikoali Gümbel: @nikolaiguembel
Sophie Schmidt: http://sophieschmidt.info/
Constanza Meléndez: @contanchi
Yulia Lokshina
FrauenGesundeitsZentrum München: https://www.fgz-muc.de/
Forum Queeres Archiv München: @forummuenchenev
k&k Bündnis Kunst und Kind: @kundk.muenchen
Tabea Blumenschein: @tabeablumenschein
New Noveta: @newnoveta
Shila Rastizadeh: @shila.rastizadeh
Leonardo: https://leonardo-zentrum.de/ und @leonardozentrum
Museum Brandhorst: https://www.museum-brandhorst.de/ und @museumbrandhorst
BBK Berufsverband Bildender Künstler: @bbk_muc_obb und @bbk_berlin


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