Kunst im KloHäuschen – Kunstraum in München

Interview mit Anja Uhlig, der Gründerin von Münchens Kunstraum der anderen Art: dem KloHäuschen in Sendling.

München – Kunst ist nicht nur in für sie geschaffenen Räumen wie Ausstellungshäusern, Museen oder auch den schicken Galerien zu finden. Sie findet auch in ungewöhnlicheren Orten einen Platz und ein Zuhause. Seit 2009 gibt es den Kunstraum das KloHäuschen in München. Und das ist genau das, was der Name annehmen lässt: ein ehemaliges Klohäuschen, inklusive Pissoirs. Künstler*innen sind hier eingeladen mit dem Raum zu arbeiten. Anja Uhlig (*1972) hat diesen Raum gegründet und erzählt im Interview mit RE:MAGAZINE von der Geschichte und den Besonderheiten dieses ungewöhnlichen Kunstraumes.

Warum und wie hast du mit diesem Kunstraum begonnen?
Anja Uhlig Ich habe das KloHäuschen 2005 gefunden. Ich war neu in Sendling, saß im Café gegenüber und sah die verschlossene Tür und dachte, das könnte evtl. ein gutes Atelier für mich sein. Dann habe ich beim Großmarkt gefragt, ob ich es als Atelier mieten könnte – und man sagte mir mit etwas gerümpfter Nase „Wir glauben nicht, daß Sie da arbeiten wollen“. Aber sie haben mir aufgesperrt – und es war wie ein Wunder: denn statt des erwarteten leeren Raums war da „Das KloHäuschen“! Das alte Pissoir mit den vanillegelben Kacheln und der Glasbausteinwand, mit den 3 bunten Steinen. Ich war verliebt. Und ich wußte sofort, daß ich diesen Raum für alle sichtbar machen möchte. 

Das “nackte” KloHäuschen. Foto: Anja Uhlig

Wann hat der Raum dann eröffnet?
In der Form, wie ich wusste, dass es sein sollte, konnte ich es dann erst ab Anfang 2009 realisieren. Eröffnet haben wir am 7. Februar 2009.

Was ist das Konzept hinter dem Raum?
Mit den „Maßnahmen zur Beseelung des Klohäuschens an der Großmarkthalle“ lade ich Gäste ein, das KloHäuschen in seiner natürlichen Schönheit zu sehen, in Interaktion mit ihrer eigenen Arbeit zu erkennen und zusammen eine ganz neue Situation sichtbar zu machen. Dabei geht es nie um das „Ausstellen“ von Objekten oder um das „Zeigen“ von Künstler*innen, sondern immer darum, mit dem Raum in Kontakt zu gehen, sich mit ihm zu verbünden und gemeinsam etwas entstehen zu lassen, was keiner von beiden (also nicht unser Gast und nicht das KloHäuschen) allein könnte. Wesentlich ist, daß diese 8 qm für gar nichts mehr „nützlich“ sein müssen – es geht also immer um eine freie künstlerische Arbeit.

Bis zum heutigen Tag (Anfang 2021) haben 114 Gäste eine eigene Arbeit mit dem KloHäuschen realisiert. Zudem haben mehrere „Festivals“ oder Gemeinschaftsveranstaltungen stattgefunden, wie zu Beginn das „KloHäuschen Winter Performance Festival“ (2011) oder seit 2012 die KloHäuschen Biennale (die natürlich alle 2 Jahre stattfindet und seit 2018 sogar eine eigene Webseite hat: http://www.kh-biennale.world

„Zusammenarbeit“ statt „Ausstellung“; Für den Kunstbereich ist es etwas ungewöhnlich […] mit dem Raum „zusammenzuarbeiten“.

Anja Uhlig vom KloHäuschen

Was ist einzigartig an dem Kunstraum/dem Projekt?
Naja, das Einzigartige ist das KloHäuschen – und daß es eben kein „um zu“ gibt. Also es geht nie um den Nutzen, sondern immer um die freie Zusammenarbeit mit dem Raum. 

„Zusammenarbeit“ statt „Ausstellung“; Für den Kunstbereich ist es etwas ungewöhnlich, dass man eben mal nicht seine Arbeit „ausstellt“, sondern eingeladen ist, wirklich mit dem Raum „zusammenzuarbeiten“. Also, es sind immer beide gemeint: unser Gast – und das KloHäuschen. Das verändert den Blickwinkel ein bißchen, es gibt viel Freiheit – kann aber auch eine Herausforderung sein.

Insgesamt wirkt sich das auf alles, also auch auf die Organisation und die gesamte künstlerische Ebene aus. So haben ich zwar Erfahrungswerte aber keine Vorgaben, wer was wie lange mit dem KloHäuschen macht. Ich bespreche das mit jedem Gast individuell und versuche, genau den  Weg zu finden, der in dieser Konstellation, für den Gast und für das Gesamtprojekt am besten passen kann. So entsteht die Arbeit meist im Prozess und im Dialog zwischen unserem Gast und dem KloHäuschen – und mit mir als „Vermittlerin“.

Das KloHäuschen war ja mal Teil des öffentlichen Raumes, wie ist das jetzt?
Wichtig ist mir dabei auch, mit der Position vom KloHäuschen im öffentlichen Raum zu arbeiten. Es ist immer sichtbar – und somit wirklich für jeden, der das möchte, zugänglich. Das kann eine Chance und gleichzeitig eine Herausforderung sein – sowohl für die Künstler*innen, die zu Gast sind – als auch manchmal für die Besuchenden. 

Was für ein Programm hat der Kunstraum? Welche Art von Künstler*innen werden gezeigt?
Wie gesagt, es geht nie um das einfache „Zeigen“ von Künstler*innen – es geht immer um Kooperation, um eine Arbeit mit dem KloHäuschen. Da ist dann wiederum sehr viel möglich und es ist für mich persönlich sehr spannend, daß ich einerseits so vielfältige künstlerische Positionen und Arbeiten kennenlernen darf – und gleichzeitig das KloHäuschen inzwischen schon über 100 Mal ganz neu sehen durfte.

Wer Lust hat, mit dem KloHäuschen zu arbeiten und das im Kreuz hat, ist eingeladen, unser Gast zu sein. Wir finden über die verschiedensten Wege zusammen. Meist sind die Gäste zeitgenössische Bildende Künstler*innen – es können aber auch andere Menschen sein – wir haben auch schon mit Architekt*innen, Wissenschaftler*innen, Musiker*innen, Galerist*innen, Theatermacher*innen, Aktivist*innen … zusammen gearbeitet. Wichtig ist mir bei der Auswahl auch, dass ich selber auch Lust auf den Austausch mit meinem Gast habe (macht ja sonst irgendwie keinen Sinn).

Normalerweise treffen wir uns erstmal vor Ort, ich stelle das KloHäuschen vor – und trinken einen Café zusammen. Und dann entwickelt sich die Arbeit, mal langsam, mal schnell. Manchmal frage ich jemanden, mit dem*der ich Lust auf eine Zusammenarbeit habe. Manchmal kommt auch jemand auf mich zu. Es gibt also verschiedene Wege, wie wir zusammen finden. Ich hab sogar auch mal eine internationale Ausschreibung gemacht. Zum Teil haben sich daraus langjährige Kooperationen entwickelt.

Ist das KloHäuschen auch mal ein klassischer Ausstellungsraum?
Etwas anders läuft es bei der KloHäuschen Biennale, die seit 2012 stattfindet. Hier macht sich das KloHäuschen wirklich ganz bewußt zum „Ausstellungsraum“ und hinterfragt dabei auch, was es braucht, um ein solcher zu sein. Es engagiert eine*n Kurator*in, der*die die Künster*innen einlädt – und, es gibt „Kunstvermittlung“ und einen Katalog – alles also, was man für ein internationales Großevent so braucht – aus KloHäuschen-Perpektive halt.

Was sind die Herausforderungen?
8 qm in München, die nicht wirtschaftsorientiert sind – ein altes Pissoir, das nicht mehr nützlich sein muss – und das (oh je – auch das noch!) geliebt wird so wie es ist und nicht irgendwas anderes oder besseres sein muss. Gerade im teuren München sind wir es gewöhnt, dass immer alles zu etwas nützlich sein muss – und wenn’s schon nicht wirtschaftlich ist, dann doch zumindest irgendwie sozial, also zum Beispiel um „Künstler*innen zu fördern“ (brrr – es schüttelt mich, wenn ich das so schreibe – es ist so gar nicht auf Augenhöhe ….).

Dass es mir darum nicht geht, sondern um eine echte Zusammenarbeit mit dem Raum und mit den Gästen, das ist für manche anscheinend wirklich eine Herausforderung – und für mich dann die Herausforderung, immer wieder das KloHäuschen zu „vermitteln“ – und immer wieder die Frage zu stellen „was passiert wohl wenn du mal die Gewohnheit und offensichtliche Akzeptanz, dass alles irgendwie ein ‘um zu‘ erfüllen muss, beiseite zu legst“? 

“Gruta de saudade” mit Carolin Wenzel, 2017. Foto: Anja Uhlig

Was war das bisher ungewöhnlichste Projekt in dem Kunstraum? Welches Projekt ist dir am besten in Erinnerung geblieben?
Hm, schwer zu sagen nach mehr als 100 Projekten, die sehr individuell mit dem Raum gearbeitet haben. Das KloHäuschen war Faultierkäfig, Ferienwohnung,  Küchenstudio, Grotte, Bulgarischer Pavillon der Venedig-Biennale, Wald (mal mit Glühwürmchen, mal mit Gewitter), Hörsaal, Naherholungsgebiet, Labor, Hummelkammer, portugiesische Taverne, Sakralraum, oder einfach Das KloHäuschen mit Besuch von Objekten, oder ohne … 

Hervorzuheben ist vielleicht zudem, daß das KloHäuschen inzwischen zusammen mit der Band 9Volt eine Schallplatte aufgenommen hat (Vinyl) und beim Episodenfilm von Mediendienst Leistungshölle selber als Filmstar aufgetreten ist. Und es wurden schon zwei Schmuckkollektionen speziell für das KloHäuschen entworfen.

Außerdem ist die KloHäuschen Biennale in den letzten Jahren immer umfassender geworden – im Jahr 2020 zur KHBi5 – der 5. KloHäuschen Biennale hat das KloHäuschen seine eigene Kunsthalle gebaut und darin über 60 künstlerische Positionen gezeigt.

Denkwürdige Momente gibt es zudem immer wieder ungeplant, wenn auch das Wetter bei Veranstaltungen einen ganz persönlichen Teil beiträgt. Wir haben schon sehr denkwürdige Abende auch mit Regen oder im Schnee verbracht. 

Was gefällt dir an der Münchner Kunstszene? 
Für das KloHäuschen ist München perfekt. Es macht genau hier Sinn, denn genau in dieser Stadt, in der der Boden so teuer ist, ist halt fast jeder Quadratzentimeter „genutzt“ und muß Einkommen bringen, damit er da sein darf. Genau hier ca. 8 qm KloHäuschen aus diesem „Nutzendenken“ rauszunehmen (noch dazu, ohne damit dann wiederum andere Ziele, pädagogische, integrierende oder sonstwas politisch korrektes zu verfolgen), ist einerseits reiner Luxus, andererseits aus meiner Sicht absolut notwendig. Und ich freu mich immer wieder, dass es in München Menschen gibt, die das auch so sehen und dabei sind. Als Gäste, Kollaborateure oder/und als BesucherInnen. 

Welche ist die letzte Ausstellung oder das letzte Kunstwerk, die/das du gesehen hast (virtuell oder anderweitig), die/das dich beeindruckt hat?
Ich arbeite seit mehr als 10 Jahren mit dem in München lebenden Künstler Alexeij Sagerer zusammen und seine Arbeit beeindruckt, überrascht, erfreut und inspiriert mich immer wieder. Und er war immer progressiv, hat zum Beispiel schon 1997 mit Internet-/Online-Formaten gearbeitet. Seine letzte abendfüllende Arbeit (diesmal keine Internet-Arbeit) ist „Liebe mich! Wiederhole mich!“ – den Film dazu kann man z.B. hier sehen: https://vimeo.com/169596789 

Klingt vielleicht doof – aber dennoch: die letzten KloHäuschen Gäste: Uwe Jonas, Stephanie movall, Patricia Wich, Martina Kändler, Albert Coers, Veronika Veit (Stand März 2021). Und sowohl die Arbeiten als auch der gemeinsame Prozeß, der dahin geführt hat, und der Austausch mit ihnen, waren spannend und beeindruckend.

“Kleiner Tempel” mit Patricia Wich, 2020. Foto: Anja Uhlig

Welches Medienstück hat dich in letzter Zeit inspiriert? 
Seit einiger Zeit viel Musik auf Youtube – interessanterweise vor allem Sängerinnen: Michal Elia Kamal oder die Norwegerin Aurora Asknes. Ansonsten bin ich eher analog unterwegs – also: Draußen. Nachts.

Welche Künstler*innen, Kurator*innen oder andere Personen aus der Kunstwelt und deren Arbeit empfiehlst du den Leser*innen?  
Alexeij Sagerer – www.proT.de. In die Homepage muß man sich etwas „reinarbeiten“, denn sie bildet (immer noch nicht vollständig) inzwischen mehr als 50 Jahre künstlerische Arbeit ab.

Selbstverständlich bisherige KloHäuschen Gäste, denn je näher ich ihrer Arbeit komme, desto mehr fasziniert mich jede/r einzelne in ihren oft ganz unterschiedlichen Ansätzen: http://das-klohaeuschen.de/proj/0000/de/archiv.html

Natürlich Marcel Duchamp. Den muß das KloHäuschen ja mögen. 😉 Interessanterweise aber gar nicht wegen dem Klo, sondern wegen seinem Humor (s. „Gespräche mit Marcel Duchamp“).


Online
Webseite: www.das-klohaeuschen.de 
Webseite der KloHäuschen Biennale:  www.kh-biennale.world 
Die KloHäuschen-Seite auf Facebook www.facebook.com/KloHaeuschen/ (die kann man “liken”)
wird verwaltet vom KloHäuschen höchstpersönlich: www.facebook.com/DasKloHaeuschen (das freut sich über “Freunde”)

Die Links meiner Gäste finden sich im KloHäuschen Archiv (https://das-klohaeuschen.de/proj/0000/de/archiv.html)  beim jeweiligen Gast.

Adresse:
Thalkirchner Straße / Ecke Oberländerstr.
Großmarkthalle Westtor
81371 München

Öffnungszeiten:
Wenn ein*e Künstler*in zu Gast ist, dann ist das KloHäuschen jederzeit von außen einsehbar. Das heißt, die Arbeit muss immer so angelegt sein, dass sie vor allem von außen funktioniert – denn schließlich sind wir im Öffentlichen Raum.
Echte „Öffnungszeiten“, also dass man rein kann, bieten wir nur in Ausnahmefällen an, wenn es zur jeweiligen Arbeit passt – das entscheidet jeder Gast für sich.
Normalerweise machen wir für jeden Gast eine öffentliche Veranstaltung – das ist oft eine Eröffnung – muss aber auch nicht. Es kann auch was anderes sein, wenn das besser zur Arbeit passt.


Über Anja Uhlig, *1972

Meine Rolle:
Die „Maßnahmen zur Beseelung des Klohäuschens an der Großmarkthalle“ sind Teil meiner künstlerischen Arbeit mit dem „realitaetsbüro“, in der ich u.a. mit Orten arbeite. Meine Rolle ist: es ist mein Projekt, d.h. ich bin „Mädchen für alles“. Vor allem bin ich verantwortlich für die künstlerische Gesamtebene für „Das KloHäuschen“ – und dafür, das KloHäuschen und die Idee dahinter an unsere Gäste, also die Künstler*innen, die eingeladen sind, mit dem Raum zusammen zu arbeiten – und dann auch an die Besucher – zu kommunizieren. 
Außerdem bin ich zuständig für die gesamte Organisation, einschließlich Finanzierung, Pressearbeit, Webseite, Einladungen etc. Manchmal hole ich mir für bestimmte Tätigkeiten Unterstützung. 

Weiter berufliche / gesellschaftliche Rollen:
Ich bin einerseits Künstlerin und arbeite andererseits als Unternehmensberaterin (IT) und Coach. Durch diese Kombi habe ich oft mit recht verschiedenen Menschen zu tun und lerne von ihnen. Im besten Fall kann ich dabei aus den unterschiedlichen Welten etwas mitbringen und weitergeben und manchmal auch zwischen ihnen vermitteln. Inzwischen helfe ich vor allem Unternehmen im kulturellen Bereich mit ihren IT-Systemen. Da berühren sich diese Welten dann wiederum – und das genieße ich dann auch.

Online
realitaetsbüro: www.realitaetsbuero.de
Homepage zum gesamten Profil: www.anjauhlig.de


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