Sandra Bejarano: Tabus des weiblichen Körpers

The artist Sandra Bejarano in her studio. Image credit: Sara Chaparro Olmo.

Ein Besuch im Atelier der in München lebenden Künstlerin Sandra Bejarano. Sandra arbeitet am Thema der vorgefassten Meinungen und Tabus über und um den weiblichen Körper.

München – Um zu Sandra Bejaranos (29) Atelier zu gelangen, geht man an einer Wand aus Milchglas an der Außenseite der DomagkAteliers – einem Ateliergebäude in München – entlang. Es liegt im Erdgeschoss. Der Weg kann im Winter etwas matschig sein. Mit einem Schritt durch eine Tür in der Fensterwand und einen grauen Vorhang, gelangt man in ihr Atelier. Sandras Studio ist ein Raum mit weißen Wänden und einer hohen Decke. Es wird von weißen Neonröhren beleuchtet. Das Atelier hat eine sehr saubere, organisierte und konzentrierte Atmosphäre. Hier schafft die Künstlerin ihre Werke.

Kannst du uns etwas über deine Arbeit erzählen?
SANDRA BEJARANO Ich kombiniere Performance, Installation und Video und verwende dabei unkonventionelle organische Materialien wie Flüssigkeiten oder Körperteile, die durch neue Techniken der Molekulargastronomie modifiziert werden. In meiner Kunst behandle ich zeitgenössische Gender-Themen in Bezug auf den Körper und seine Konnotationen. Das Medium oder die Form der Präsentation variiert jedoch je nach Konzept.

Woran arbeitest du im Moment?
Ich entwickle derzeit ein Forschungsprojekt über die Fruchtbarkeitsindustrie und das neue Geschäft der Eizellspende. Es basiert auf dem Studium von Artikeln, die von Forschern und Fachfirmen auf diesem Gebiet veröffentlicht wurden, sowie auf Interviews mit Frauen, die Eizellen gespendet haben oder durch In-vitro-Fertilisationstechniken Mütter geworden sind. Die extrem vereinfachten Slogans, die in meiner Arbeit dargestellt werden, versuchen, dem Betrachter die Botschaft so klar und direkt wie möglich zu vermitteln. Schnelle Informationen, wie wir sie aus den sozialen Netzwerken gewohnt sind.
Diese Aussagen, manchmal ironisch oder sarkastisch, sind nicht als Urteile für oder gegen solche Techniken gedacht, sondern werden einfach als Fakten präsentiert, aus denen man seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Für den Moment sind dies die ersten Schritte in einer Materie, in die ich noch tiefer einsteigen möchte.

Bilder der neuen Arbeit von Sandra Bejarano in verschiedenen Stadien des kreativen Prozesses im Atelier. Fotos: privat.

Es gab eine neue Entwicklung in deiner Arbeit hinsichtlich der Bedeutung von geschriebenem Text. Kannst du mir mehr darüber erzählen?
In den letzten Arbeiten hat die Besessenheit von Sprache meinen kreativen Prozess übernommen. Ich habe das Bedürfnis, direkt auf die Träger zu schreiben, die meine Arbeit ausmachen, sei es auf Leinwand oder direkt auf meine eigene Haut. In der Performance “How long will this last”, die während des ersten Lockdown in München im Café Cosmos stattfand, habe ich mich selbst tätowiert.
Vor der Corona-Situation war mir die direkte Konfrontation des Betrachters mit meiner Arbeit wichtig. Jetzt, wo das nicht mehr möglich ist, finde ich in der Schrift die direkteste und nächstliegende Möglichkeit, eine Provokation beim Betrachter zu erzeugen.

Was treibt dich an, das zu tun, was du tust?
Die Inspiration kommt von Fragen und Problemstellungen, die in meinem Leben auftauchen und mich betreffen, insbesondere über die Beziehung zum Körper, dem weiblichen Körper im Speziellen. Mir wurde klar, dass ich nicht die Einzige bin, die sich diese Fragen stellt, und dass der gemeinsame Nenner dieser Themen ist, dass es sich oft um unbequeme Angelegenheiten handelt, über die aus irgendeinem Grund nicht laut gesprochen wird. Diese Probleme werden als gegeben hingenommen und keiner Reflexion unterzogen. Das macht mich wütend. Und das ist es meistens, was mich dazu treibt, meine Kunst als Plattform zu nutzen, um diese Themen in den Vordergrund zu bringen; zu versuchen, vorgefasste Meinungen und Tabus zu reflektieren und das Publikum zu ermutigen, Konzepte und moralische Werte zu hinterfragen.

Was leitet dich in deiner künstlerischen Recherche?
Das kommt auf das Thema des Projekts an. Aber ich bin immer an dem anthropologischen Aspekt interessiert. Meine Arbeit basiert auf realen Konzepten und Problemstellungen, die unsere heutige Gesellschaft betreffen. Google und Bücher sind meine wichtigsten Werkzeuge, aber natürlich sind die sozialen Medien ein weiterer schneller Weg, um Künstler, Galerien und Unternehmen zu erkunden.

Bilder der Performance “How long will this last” im Café Cosmos. Die Ausstellung war ein Teil von “#beapart München”. Verschiedene Institutionen und Räume aus München luden Künstler ein, die in Zeiten von Corona entwickelten Ausstellungskonzepte zu präsentieren. Fotos: privat.

Was für eine Atmosphäre magst du, wenn du arbeitest?
Ich arbeite gerne alleine im Atelier und höre dabei Musik oder einen Podcast.

Wenn du in deiner Arbeit nicht vorankommst und dich festgefahren fühlst, wie bringst du den kreativen Prozess wieder zum laufen?
Ich mache irgendeine andere Aktivität, die nichts mit der Kunst oder dem Thema meines speziellen Projekts zu tun hat. Außerdem gehe ich in Museen und Ausstellungen anderer Künstler. Natürlich ist das momentan nicht möglich, da alles geschlossen ist. Also greife ich auf Interviews oder Dokumentarfilme über Künstler zurück, die mich inspirieren. Was mir aber am meisten hilft, ist die Diskussion von Ideen mit Freunden oder mit anderen Künstlern. Es ist grundlegend, den kreativen Prozess einer umfassenden Kritik auszusetzen.

“Ich glaube, dass gute Kunst diejenige ist, die einen nicht regungslos lässt.”
– Aus dem RE:MAGAZINE Studiogespräch mit Sandra Bejarano

Was würdest du gerne weiter erforschen?
Ich bin daran interessiert, Techniken aus Bereichen zu erforschen, die nichts mit Kunst zu tun haben. Ich will sehen, ob sie in meinem kreativen Prozess eine Anwendung finden können. Installation und Performance sind sehr breit gefächerte Disziplinen, die fast alles einschließen können.

Was macht deiner Meinung nach ein Kunstwerk “gut”? Und warum?
Ich glaube, dass gute Kunst diejenige ist, die einen nicht gleichgültig lässt. Sie ist in der Lage, uns ins Gesicht zu schlagen und einen Raum für Diskussionen und verschiedene Sichtweisen zu eröffnen.

Was war die letzte Sache, die Sie laut lachen ließ?
Neulich war ich beim Axtwerfen. Ich habe sehr gelacht, als ich sah, wie überraschend gut ich bin.

Welches Kunstwerk, Ausstellung oder Medienstück hat dich in letzter Zeit inspiriert?
Der beste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe, war “Ema” von Pablo Larraín. Außerdem kann ich Fran Lebowitz’ Dokumentarfilm sehr empfehlen: “Pretend it’s a city”.
Die Bücher “Memories of a Savage” und “Queen” von Bebi Fernández (ein Pseudonym, das sie benutzt, weil sie mit dem Tod bedroht wird) handeln von den Netzwerken der sexuellen Ausbeutung, die die albanokosovarische Mafia an der Mittelmeerküste in Spanien betreibt. Ich empfehle sie besonders für Leute, die immer noch glauben, dass Prostitution immer aus freiem Willen geschehe.
In letzter Zeit höre ich verschiedene Musik, je nach Stimmung, aber ich suche speziell nach weiblichen Rapper*innen – nicht so einfach zu finden in einem von Männern dominierten Musikgenre. Und “Radiojaputa”-Podcasts begleiten immer meinen Tee am Morgen.

Wo lebst du und was gefällt dir an der lokalen Kunstszene?
Ich bin in München ansässig. Die Museen hier bieten eine große Vielfalt: von den Klassikern wie der Alten Pinakothek bis zu den großen zeitgenössischen Künstlern im Haus der Kunst, dem Lehnbachhaus, der Villa Stuck… Wichtig ist aber vor allem die große Zahl von Initiativen, die junge Künstler unterstützen, sowohl Galerien als auch Atelierprogramme, zugängliche Stipendien und Preise. Es gibt ein echtes Interesse an der Kulturszene.

Video von Sandra Bejaranos Arbeit “HOW LONG WILL THIS LAST”.

Welchen Menschen aus der Kunstwelt folgst du am liebsten in den sozialen Medien?
@f____e____a@sarahmapleart@amaliaulman@candelacapitan@sophia_suessmilch@claudia_holzinger

Welche Künstler*innen, Kurator*innen oder andere Personen aus der Kunstwelt empfiehlst du den Lesern, sich anzuschauen?
Pilvi Takala, Sarah Maple, Tania Bruguera, Aki Sasamoto, Laure Prouvost, Regina Jose Galindo.


SANDRA BEJARANO WURDE FÜR ARTISTSCURRENT VON JULIA WALK EMPFOHLEN.

Du kannst Sandras Arbeiten hier finden:
Website: www.sandrabejarano.com
Instagram: @sandrabejarano_



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